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Predigt zum Reformationsfest 2010 von Dekan Jörg-Michael Schlösser

Verehrte Reformationsgemeinde,

liebe Musizierende, Schwestern und Brüder
in Christus!


In den letzten Jahren waren Sie es gewohnt von mir im Reformationsgottesdienst Erläuterungen zur Festkantate oder zur Musik dieses Festgottesdienstes zu hören. Ich habe mir heute die Freiheit genommen, mein weniges musiktheoretisches Wissen für mich zu behalten. Heute rede ich zum Thema dieses Tages, zur Reformation: Das Lied und die Kantate „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ dient eher als Folie oder Illustration für mein Denken und Reden.

Die heutige Predigt steht unter der Überschrift:„Die ökumenische Dimension der Reformation“

Im Jahr des 2. ökumenischen Kirchentags in München ist das für mich Thema. Dieser Kirchentag hat manche trennende Themen und Facetten unseres Christseins beleuchtet. Doch waren für mich die gemeinsamen Grundlagen unseres Glaubens, die gemeinsamen Feste, Feiern und Gottesdienste viel beeindruckender. Ich glaube, dass die an der Basis gelebte Ökumene sich von amtskirchlicher Trennung nicht beeindrucken lässt.

Begonnen hat Ökumene – nach meinem Verständnis - vor fast 500 Jahren mit dem Augsburger Bekenntnis, mit der der „confessio augustana“. Dieses Bekenntnis war nicht als Trennungserklärung gedacht. Niemand konnte sich damals mehrere säuberlich getrennte Kirchen vorstellen. Sondern die „confessio augustana“ entwickelte ein Bekenntnis des Glaubens aus der Bibel heraus. Sie will die Erneuerung der damaligen römischen Kirche aus der Kraft des Wortes. Ziel ist nicht die Trennung, sondern die Erneuerung der einen, apostolischen und weltumspannenden Kirche. Diese Kirche versteht sich als Wirkung des ersten Pfingstfestes. Sie ist Ausdruck der uns allen einenden Taufe. Dazu vier Thesen:

1. Reformation will die zerrissene Christenheit im Wort Gottes, in der Feier von Taufe und Abendmahl einigen.
Bis heute halten manche an Ökumene interessierte Christinnen und Christen das Reformationsfest für antikatholisch und für die ökumenische Begegnung hinderlich. Da höre ich dann: „Man soll alte Gräben nicht wieder aufreißen; „ein feste Burg“ kann nicht mehr gesungen werden; wir wollen doch das Gemeinsame suchen.“

Die ökumenischen Entwicklungen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts bestätigen diese Auffassung. Darum dürfen wir, wenn wir am 31. Oktober feiern, nicht alleine des reformatorischen Durchbruchs gedenken, sondern müssen eine ökumenische Erneuerung suchen.
Es gibt aber auch andere ernsthafte Christinnen und Christen, die fordern ein schärferes protestantisches Profil. Sie meinen damit eine stärkere inhaltliche Abgrenzung von der römisch-katholischen Kirche.
Beide Einstellungen gehen davon aus, dass Reformation ein Synonym für Trennung ist.
Für die eine Seite ist die Wiedergewinnung der Einheit der Kirchen das Gebot der Stunde. Die anderen beharren trotzig auf reiner, protestantischer Gesinnung. Sie geben der Einheit keine Chance.
Beide Seiten gehen in ihrem Denken davon aus, dass die Vorreformationszeit eine Zeit der kirchlichen Einheit gewesen sei. Das aber ist falsch. Denn schon das Apostelkonzil wenige Jahre nach Jesu Tod dokumentiert, dass sich christlicher Glaube in einer Vielzahl von Kirchen organisiert. Die Reformation war ein ökumenischer Versuch, die im späten Mittelalter zersplitterte Christenheit unter dem Evangelium, durch Wort und Sakrament zu einen.
Unbestrittene historische Einsicht ist die Trennung zwischen den orientalischen und orthodoxen Kirchen des Ostens und der römischen Westkirche. Wo war da Einheit?
Dazu kommen Hussiten, Waldenser und anderen vorreformatorischen Bewegungen in fast allen Ländern Europas. Klerus und Laien lebten in verschiedenen Welten. Die Privilegien des Klerus wurden von vielen Menschen als unerträglich empfunden. Dazu kam die Spaltung zwischen Welt- und Ordenspriestern.
Der Begriff der Sekte wurde in der Reformationszeit von protestantischer Seite für die verschiedenen Orden gebraucht. Sie waren die Zeichen der Spaltung.

Zu Beginn der Reformation hofften viele Menschen, die Zerrissenheit der Christenheit könnte überwunden werden. Sie hofften, dass eine erneuerte Christenheit attraktiv-missionarisch auf die nichtchristlichen Völker wirken könnte.
Diese Erwartungen beschreibt das Augsburgsche Bekenntnis in Artikel 7: "Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige christliche Kirche sein und bleiben muss, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden."


Liebe Gemeinde,
manche Menschen betrachten diese Beschreibung der Kirche als ökumenisch wenig hilfreich. Sie sehen darin den Versuch, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Doch die „confessio augustana“ sagt etwas anderes. Das Evangelium kann man nicht hoch genug schätzen. Allein daran hängt die Einheit der Kirche. Darum sind rechte Verkündigung und der "dem Einsetzungssinn entsprechende Umgang mit den Sakramenten" entscheidend.

Verehrte Festgemeinde,
das auch heute noch gängige Geschichtsbild von der einheitlichen Kirche, die durch die Reformation ihre Spaltung erfuhr, wurde von vielen Menschen zur Zeit der Reformation nicht geteilt. Sie erhofften sich von der Reformation die Überwindung der Spaltungen. Sie hofften, durch die Konzentration auf die Verkündigung des Evangeliums zu neuer Einheit zu finden. Die ökumenische Dimension der Reformation ist ein Pfund, mit dem wir nach wie vor wuchern können.
Abgrenzung verfehlt dieses Ziel der Reformation. Aber der Abgrenzung zu widerstehen ist schwer. Jeder Kommentar dazu in Richtung einer anderen Kirche wäre apodiktische Selbstüberschätzung. Darum können wir alles Trennende zunächst nur nüchtern zur Kenntnis nehmen. Danach aber werden wir ökumenisch aktiv und bedenken die gemeinsame Basis der reformatorischen, orthodoxen und römisch-katholischen Kirchen.

2. Unser gemeinsames Bekenntnis: Die eine heilige, allumfassende, apostolische Kirche   
Kirchengeschichte beginnt zwischen Karfreitag und Pfingsten mit den ersten christlichen Gemeinden. So haben wir eine gemeinsame Geschichte mit den orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche. Unsere gemeinsame Basis ist das alte Glaubenbekenntnis, das so genannte Nizäno-Konstantinopolitanum. Es steht auch in unseren Gesangbüchern. Dort heißt es zur Kirche: "Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche."
Obwohl dies unser gemeinsames Bekenntnis ist, sind bis heute die Worte "katholisch" und "apostolisch" hoch emotional besetzt. Ich spreche niemandem diese Apostolizität ab. Aber es gilt auch: wir Evangelische Christinnen und Christen aller Denominationen sind eine APOSTOLISCHE KIRCHE.
Unser Reformationstag ist ökumenisch, weil wir uns auf die gemeinsamen Bekenntnisse und die gemeinsame Grundlage der Bibel besinnen. Bei dieser Betonung des Gemeinsamen werden Abweichungen deutlich. Diese sind jedoch zweitrangig.

Die Kirchen der Reformation gehen von der Einheit der Kirche Christi aus. Es kann nur eine Kirche auf Erden geben. Diese eine Kirche ist allein die wahre, von Jesus Christus gestiftete Kirche. Kirchenspaltung bedeutet Kirchenabfall. Darum kann in der Reformation erfolgte Kirchenspaltung nur als ein Kampf um die rechte Einheit der Kirchen verstanden werden. Die Kirchen der Reformation sehen sich selbst darum als die EINE Kirche auf Erden. Sie verstehen sich nicht als Absplitterungen. Sondern es sind einzelne Christinnen und Christen, die von ihrem persönlichen Gewissen getrieben werden, die eine Kirche Jesu Christi auf Erden zu bewahren. Dietrich Bonhoeffer hat als erster darauf hingewiesen, dass die Kirchen der Reformation die Einheit nicht aufgegeben haben, sondern um diese Einheit kämpften.
Diese Einheit soll sichtbar werden. Das ist der Wunsch vieler Christinnen und Christen. Doch können wir nicht einfach alle Kirchen zu einer zusammenwerfen. Ich sehe die Problemlösung in einem anderen Verständnis:
Wir alle leben schon heute die EINE Kirche, weil wir Jesus als den Christus verkündigen. Er ist die  Einheit der Kirchen. Er gibt die EINE Kirche in seiner Person vor. Kirche ist ein Gedanke, der von Gottes Wort ausgeht. Diese Einheit lässt sich nicht mit weltlichen Kirchenorganisationen gleichsetzen. Die soziologischen Organisationen, die wir Kirche nennen, sind etwas ganz anderes, menschliches. Doch haben sie ihren Grund und ihre Daseinsberechtigung in Jesus dem Christus, der DIE Kirche ist.
Einheit wird nicht hergestellt, indem wir unsere Bekenntnisse addieren, sondern indem wir an Christus als den Grund von Kirche festhalten. Wo zwei Kirchen das tun, sind sie eins.

Verehrte Reformationsgemeinde,
diese Erkenntnis macht noch kein ökumenisches Klima. Es gibt dieses ökumenische Klima auch noch nicht lange. Ich erinnere mich noch gut an die Abgrenzungen innerhalb der reformatorischen Kirchen. Da gab es heftige Kämpfe und gewalttätige Auseinandersetzungen. Glücklicherweise sind die Gegensätze zwischen den reformatorischen Kirchen bei uns überwunden. Immerhin haben wir innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland volle Gemeinschaft, auch Abendmahlsgemeinschaft.

In unserer Region gibt es zwischen evangelischen und der römisch-katholischen Gemeinden eine so gute Atmosphäre, dass man sich die alten Kämpfe kaum noch vorstellen kann. Doch erschweren auch uns dogmatische Festlegungen Wege zu- und miteinander. Nur weil wir uns mit großer Achtung und hoher gegenseitiger Anerkennung begegnen, können wir problemlos den ökumenischen Alltag leben.
Protestanten verstehen das Ziel der sichtbaren Einheit der Kirche als Einheit in versöhnter Verschiedenheit.
Kirche war in ihrer Geschichte immer vielfältig. Das zeigen schon die Gemeinden, die hinter den einzelnen biblischen Büchern des zweiten oder neuen Testaments stehen. Weil wir uns auf diese Bücher berufen, müssen unser Glaube und unser Bekenntnis ebenso verschieden bleiben. Diese Vielfalt ist eine Chance der Christenheit. Sie ist eine "Perle" des Glaubens. Wir dürfen sie um des biblischen Zeugnisses willen nicht aufgeben.

Die Vielfalt der Konfessionen birgt aber auch Gefahren. Spaltungen, Verwerfungen und die Entstehung kleinster unabhängiger Kirchen finden bis heute in der ganzen Welt statt. Auch bei uns gibt es dieses Nebeneinander. Zum Glück gibt es in unserer Region kein aktives Gegeneinander mehr. Der Arbeitskreis Christlicher Kirchen wirkt hier zu unserer aller Segen.

Ein umfassendes Kirchenverständnis bleibt jedoch für die Zukunft unverzichtbar, sonst wird Kirche provinziell. In der Barmer Theologischen Erklärung lesen wir, "... Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird, (ist) das eine Wort Gottes ..." Es gibt keine Offenbarung ohne Jesus den Christus. Der Grundartikel unserer EKHN bezeugt zu Recht die bleibende Erwählung der Juden. Das Erste Testament können wir nicht als „Altes Testament“, als überholte jüdische Tradition abtun.

Umfassende, allgemeine, ökumenische Kirche zu sein, ist eine Herausforderung für uns Protestanten. Denn wir fühlen uns im Schatten unserer Kirchtürme, in der Provinz, sehr wohl. Von daher soll es sogar konfessionelle Gegensätze mitten durch unsere Gemeinden geben. Solcher Glaube ist dann aber nicht mehr „apostolisch“. Apostolisch ist der durch Paulus erweiterte Dienst im Auftrag Jesu Christi. Er ist nicht auf die Zwölf Apostel beschränkt. Alle Zeugen der Auferstehung sind aufgefordert zur Weitergabe der frohen Botschaft. Dieser Auftrag gilt für uns alle bis heute.

Ich will mich heute nicht ausführlich mit dem Begriff der apostolischen Sukzession auseinandersetzen. Nur ein Wort Martin Luthers dazu: "... Was Christum nicht leret, das ist nicht Apostolisch, wens gleich Petrus oder Paulus leret, Widerumb, was Christum predigt, das ist Apostolisch, wens gleiych Judas, Annas, Pilatus und Herodes thett" (WA DN 7, 384, 29-32). Das Prinzip, die Schrift nach dem zu beurteilen, was Christum treibt, wird bei Luther im Blick auf die Apostel durchgehalten und gilt auch für uns.
Apostolisch ist eine Kirche durch die ständige Weitergabe des Evangeliums an alle Menschen in Gottesdienst und Lehre. Eine Kirche ist dann apostolisch, wenn sie dem Glauben und der Sendung der Apostel treu bleibt. Hier besteht eine große Differenz zwischen katholischem und protestantischem Verständnis von Kirche.

3. Ökumene in Politik und Kultur
Die evangelische Konzentration auf Wort und Sakrament wirkt bis heute in unsere Gesellschaft hinein. Deshalb müssen wir auch im Europäischen Kontext immer wieder an die Reformation erinnern.
Die Reformation war für unsere deutsche Sprachentwicklung wichtig. Die Bedeutung von Luther für die Entwicklung und Sprache in Deutschland ist bekannt. In anderen europäischen Ländern sind durch die Reformation Katechismen und Bibelübersetzungen in ähnlicher Weise prägend gewesen. Dazu kommen der Aufbau und die Reform von Universitäten und Schulen. Luther mahnte die Verantwortung der Regierenden für die Bildung aller Menschen immer wieder an. Was für unsere Sprache gilt, gilt auch für Kultur, Musik und Malerei. Ich nenne stellvertretend für viele Künstler nur die Cranachs, Dürer und die Bachfamilie.
Auch politisch hat die Reformation weit gewirkt. Vom reformierten Genf gingen Ideen aus, die Gewissensfreiheit, Toleranz, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte erst möglich werden ließen. Der Protestantismus prägt bis heute weite Teile unseres Lebens. Es ist also eine ökumenische Dimension, wenn Glaube vor den Landesgrenzen nicht halt macht. Bei der Gestaltung Europas können wir auf diese Tradition aufbauen.

4. Unsere Zukunft kann nur ökumenisch sein   
Manches Hindernis wurde auf dem Weg zum 2. Ökumenischen Kirchentag in München sichtbar. Doch sehe ich den ökumenischen Gedanken in beiden Kirchen fest verankert. Uns verbindet mehr, als uns trennt. Im Gottesdienst und im Alltag machen wir gute, gemeinsame Erfahrungen. Die säkularisierte Gesellschaft ist für beide Kirchen - wie für alle anderen Glaubensgemeinschaften in unserm Land - eine Herausforderung. Darum nehmen wir viele theologische und ethische Aufgabenstellungen gemeinsam in Angriff. Die Kirchen werden oft als ein einheitliches Gegenüber gesehen: So tragen wir unsere Stärken und Schwächen gemeinsam, ob wir das wollen oder nicht.
Viele Menschen haben gespannt auf München geblickt. Viele haben erwartet, dass es, wie in Berlin, einen Eklat wegen gemeinsamer Abendmahlsgottesdienste geben würde. Unsere Antwort waren die aus der orthodoxen Tradition stammenden Brotfeiern. Sicher ein sehr niederschwelliger Ersatz. Aber es waren gemeinsame, ergreifende Gottesdienste.
Was brauchen wir mehr?

Natürlich werden wir Evangelischen unsere Einladung zum Abendmahl an alle Getauften aufrechterhalten. Das gehört zu unserem Abendmahlsverständnis. Aber wir können Tischgemeinschaft nicht erzwingen. Es gehört zum Respekt vor anderen, dass das, was man selber kann, vom anderen nicht erzwungen werden kann, wenn er oder sie es nicht nachvollziehen kann.

Wir können gemeinsam den Christus bezeugen. Wir können in vielen wichtigen Fragen unserer Zeit mit einer Stimme sprechen. Am wichtigsten ist aber dies: Wir müssen zusammen die Bibel lesen. Bibellesen ist gute, reformatorische Tradition. Aus dem Studium der Schrift wird richtiges Handeln folgen.

Schwestern und Brüder,
wir sind auf dem Weg. Es ist ein Weg, auf dem sich keine Kirche zu wichtig nehmen sollte. Denn Kirchen gibt es immer nur auf Zeit. Das Ziel aber ist Gottes Reich. Die Apostolizität unserer Kirchen öffnet den Horizont. So kann Hoffnung wachsen und Glaube blühen.
Eine schöne Blüte ist die Reformation als Zeichen der Ökumene und als ein Fest der Hoffnung.

Amen           

 






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