anlässlich der Landeskirchlichen Eröffnung der 53. Aktion „Brot für die Welt“ in Bad Nauheim
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Liebe Gemeinde,
Schrebergärten, Gartenzäune, Rosengärten und Blumenbeete: das „Grenzen abstecken“ ist uns allen nicht fremd. Es ist das uralte Bestreben des Menschen, sich selbst einen Raum für sich zu schaffen, den man besitzt und in dem man oder frau selber „das Sagen“ hat. Für unsere Vorfahren mögen das Höhlen gewesen sein, heutzutage versucht sich jeder seinen eigenen individuellen Raum zu bewahren. Gerade viele Städter kennen dieses drängende Verlangen, dem Trubel der Großstadt zu entfliehen, hinaus aufs Land, in den eigenen Garten.
Die Hälfte der Bevölkerung weltweit lebt auf dem Land, das sind – seit ein paar Wochen kann man dies offiziell so sagen – etwa 3,5 Milliarden Menschen. Für sie ist die Frage des ländlichen Grundbesitzes keine Frage der Entspannung am Wochenende. Für sie bedeuten die Erträge aus der Landwirtschaft, die auf ihrem Grund gesät und geerntet wurden, die Lebensgrundlage. Es sind Kleinbauern, die mit dem geernteten Gemüse und Getreide versuchen, ihr Leben zu gestalten, ihre Kinder zu ernähren und irgendwie „über die Runden“ zu kommen.
Während der Nahrungsmittelkrise sind die Preise für Grundnahrungsmittel weltweit zwischen 70 und 80 % gestiegen. Das hat vielschichtige Ursachen: natürlich die wachsende Weltbevölkerung, Naturkatastrophen und der vermehrte Anbau von Agrarenergieträgern. Rohstoffe und Agrarrohstoffe werden dabei zunehmend zu Spekulationsobjekten.
Allein im Jahr 2009 wurden rund 45 Millionen Hektar an Ackerland in Staaten Afrikas, Lateinamerikas, Osteuropas und Asiens an ausländische Investoren verkauft oder verpachtet. Weltweit wurden seit dem Jahr 2001 in Entwicklungsländern 227 Millionen Hektar Land verpachtet oder an Investoren verkauft. Das entspricht in etwa der Größe Westeuropas. Mehr als 70% der gesamten Nachfrage nach Ackerland bezieht sich auf afrikanische Staaten, in denen mehr als 300 Millionen Menschen hungern.
Die Zahl der Hungernden weltweit erreichte im Jahr 2009 – erstmals seit 1970 – den Stand von 1 Milliarde Menschen. Das entspricht einem Siebtel der Weltbevölkerung. 80 Prozent der Hungernden leben auf dem Land. Aber es ist wie so oft: das Ausmaß der Katastrophe kann noch so groß sein, es hindert nicht diejenigen am Geschäftemachen, die sich daran bereichern können.
Hierzu findet sich eine Stelle im Alten Testament, im Prophetenbuch Nehemia. Darin geht es um die Not der Kleinbauern und ihre Angst vor dem Verlust ihres Landbesitzes:
(Nehemia 5, 1-6 und 9-12) „Und es erhob sich ein großes Geschrei der Leute aus dem Volk und ihrer Frauen gegen ihre jüdischen Brüder. Die einen sprachen: Unsere Söhne und Töchter müssen wir verpfänden, um Getreide zu kaufen, damit wir essen und Leben können. Die anderen sprachen: Unsere Äcker, Weinberge und Häuser müssen wir versetzen, damit wir Getreide kaufen können in dieser Hungerzeit. Und wieder andere sprachen: Wir haben auf unsere Äcker und Weinberge Geld aufnehmen müssen, um dem König Steuern zahlen zu können. Nun sind wir doch wie unsere Brüder, von gleichem Fleisch und Blut, und unsere Kinder sind wie ihre Kinder; und siehe, wir müssen unsere Söhne und Töchter als Sklaven dienen lassen, und schon sind einige unserer Töchter erniedrigt worden und wir können nichts dagegen tun, und unsere Äcker und Weinberge gehören andern.
Und Nehemia sprach: Es ist nicht gut, was ihr tut. Solltet ihr nicht in der Furcht Gottes wandeln (um des Hohnes der Heiden willen, die ja unsere Feinde sind)? Ich und meine Brüder und meine Leute haben unseren Brüdern auch Geld geliehen und Getreide; wir wollen ihnen doch diese Schuld erlassen! Gebt ihnen noch heute ihre Äcker, Weinberge, Ölgärten und Häuser zurück und erlasst ihnen die Schuld an Geld, Getreide, Wein und Öl, die ihr von ihnen zu fordern habt. Da sprachen sie: Wir wollen es zurückgeben und wollen nichts von ihnen fordern und wollen tun, wie du gesagt hast. Und ich rief die Priester und nahm einen Eid von ihnen, dass sie so tun sollten.“
Die Botschaft dieses Textes ist deutlich: das Land soll den Menschen zurück gegeben werden und die Schulden sollen ihnen erlassen werden. Klar wird aber auch: der Landbesitz macht sie erst zu akzeptierten, gleichwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, denn ohne Land fehlt ihnen jede Grundlage, sich selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen, zumal Frauen. In den Entwicklungsländern explodieren die Kosten für Nahrungsmittel. Durch landgrabbing wird den Menschen ihre Existenzgrundlage entzogen.
Nehemia ergreift in diesem Text die Initiative und ruft: „Es ist nicht gut, was ihr tut“. Mir fallen stellvertretend viele Gelegenheiten ein, bei denen ich ähnliches gesagt habe. Anders als Nehemia im Gespräch mit den Priestern konnte ich zwar niemandem einen Eid abringen, aber die Förderung ländlicher Entwicklung war mir während meiner Amtszeit als Ministerin sehr wichtig, und ich konnte die finanziellen Mittel im Bereich „Ländliche Entwicklung und Welternährung“ von 300 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro steigern. Auch durch die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit konnten wir unsere Partnerländer darin unterstützen, eine nachhaltigere, gerechtere, Armuts- und Konfliktmindernde Bodenpolitik zu entwickeln und umzusetzen. Vor allem haben wir den Zugang von Frauen zu Land und die Respektierung tradierter Landrechte gefördert.
Für uns heute spielt Landwirtschaft oft nur noch eine untergeordnete Rolle. Wo die Kartoffel, die Karotte herkommt, wissen wir in den wenigsten Fällen. Kein Wunder, dass uns der Bezug zum Land als Lebensgrundlage verloren gegangen ist.
„Brot für die Welt“ fordert, dass das ‚Menschenrecht auf Nahrung‘ (Artikel 11 des UN Sozialpakts) in allen Fällen der Landvergabe garantiert wird. Dem müssen sich nicht nur alle Regierungen weltweit verpflichten, es braucht auch eine kritische Zivilgesellschaft, die diese Prozesse kritisch begleitet. Und Zivilgesellschaft – das sind Sie, das sind wir alle – die Gemeinde. Darüber hinaus müssen wir auch die Unternehmen, die in Entwicklungsländern tätig sind, in die Pflicht nehmen.
Die Importe von Agrotreibstoffen und Futtermitteln brauchen soziale und ökologische Leitplanken, die das Menschenrecht auf Nahrung zur Grundlage haben. Und: Der Spekulation mit Nahrungsmitteln muss entschlossen gegengesteuert werden.
Sie werden sich fragen: Was bedeutet dies nun für uns Christen? Was kann ich selber tun?
Christinnen und Christen können und müssen dafür eintreten, dass Gott auf der Seite der Armen ist und für die Menschen ein Leben in Fülle wünscht. Und es gibt durchaus einfache Handlungsempfehlungen, die wir zwar schon oft genug gehört, aber wohl immer noch viel zu wenig beherzigen:
Die Art und Weise, wie wir leben und wie wir uns durch die Welt bewegen, wird entscheidend sein für nachfolgende Generationen und entscheidet schon heute deutlich mit über die Lebensumstände, die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu ertragen haben. Was hindert uns zum Beispiel daran, unseren Nahrungsmittelkonsum kritisch zu hinterfragen? Woher kommen die Produkte, die wir hier genießen? Unter welchen Bedingungen sind sie wo entstanden? Entstammen sie aus fairem Handel?
Es geht nicht ums Miesmachen. Und ich gebe offen zu: das ist nicht immer leicht. Oft genug sind die Versuchungen eben doch zu groß. Aber: wir tun gut daran, uns mit diesen Themen zu beschäftigen und nicht teilnahmslos durchs Leben zu gehen. Unsere Lebensweise hier betrifft auch die Menschen anderswo und das sollten wir uns immer wieder bewusst machen.
Es gilt, das „Menschenrecht auf Nahrung“ zu gewährleisten – der Weg dahin ist jedoch noch weit und steinig.
Die 53. Aktion von Brot für die Welt „Land zum Leben – Grund zur Hoffnung“ gibt Hoffnung und Zuversicht, die wir nutzen sollten. In dem diesjährigen Aufruf steckt zurecht die Forderung, dass es nicht sein darf „dass Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aufgrund von Profitinteressen anderer ihr Land verlieren.“
Für uns Christinnen und Christen sollte am Ende die Erkenntnis stehen, dass auch wir in Bezug auf die ländliche Entwicklung in der internationalen Zusammenarbeit die Initiative ergreifen müssen, um wie der Prophet Nehemia zu sagen: „Es ist nicht gut, was ihr tut“ – dies auch, um denjenigen eine Stimme zu geben, die hier in unserer so gut funktionierenden technisierten Welt oft nicht gehört werden: den Kleinbauern, den im Feld arbeitenden Frauen, den Hungernden.
Für meine eigene christliche Überzeugung war immer die Haltung des früheren Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen, Willem Visser´t Hooft, wichtige Mahnung, der 1968 bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Uppsala in seiner Rede sagte: „Uns muss klar werden, dass die Kirchenglieder, die in der Praxis ihre Verantwortung für die Bedürftigen irgendwo in der Welt leugnen, ebenso der Häresie schuldig sind, wie die, welche die eine oder andere Glaubenswahrheit verwerfen.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.