Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.
ein intensives Jahr war es, dieses letzte Konfirmandenjahr. Ein Jahr mit vielen Eindrücken und Erlebnissen. Ich denke zurück an die erste Konfirmandenfreizeit mit euch: an die grandiosen Eierauffangmaschinen, die ihr so konstruiert habt, dass ein rohes Ei, aus 2 Metern Höhe fallengelassen, am Boden nicht kaputt ging. Ich denke daran, wie ihr hier mit unserem Kantor, Herrn Scheffler, auf der Empore gesungen habt, und wie er euch die ersten liturgischen Gesänge beibrachte, die man kennen muss, um sich im Gottesdienst zurechtzufinden.
Oder wie ihr nach dem Konfigottesdienst mit meiner Kollegin , Frau Held, rote Luftballons mit euren Träumen in den Abendhimmel entliesset. Ich denke an das Singen von Caminando va , zusammen mit Frau Starke auf der 2. Freizeit in Wetzlar. Oder wie ihr für das Diakonische Werk gesammelt habt: ihr wisst noch gar nicht, wie hoch die Summe war, die da zusammengekommen ist: es waren 1.228,16 Euro ! Und heute ist noch eine Dose dazu gekommen, die wir noch gar nicht zählen konnten…
Viele Konfistunden und Konfitage: wie intensiv war dieses Jahr, wie schnell ist es aber auch vergangen! Vor kurzem habe ich euch gebeten, mir ein Feedback dieses Jahres zu geben. Da lautete eine Frage: „Hat dich der Konfirmandenunterricht vorangebracht in deinem Verständnis des Glaubens?“ Über eure Antworten habe ich mich gefreut. Viele haben geschrieben: „Ja“ oder „Ja, auf jeden Fall!“ „Ja, man hat sich mit vielen Fragen auseinandergesetzt.“ Taufe- Abendmahl- Jesus und Petrus – Tod und das Leben danach – Freundschaft…
Mir selbst hat das Lernen mit euch Spass gemacht. Ich erinnere mich z.B. an euer eigenes 11. Gebot, das ihr selbständig formuliert habt. In euren Gedanken stecken ganz wichtige Aufforderungen, die auch wir Erwachsenen zu bedenken haben. Wir können von euch etwas lernen. Wenn einer sagt: „Jeder soll die Freiheit haben, seine eigene Meinung sagen zu dürfen.“ Eine andere schreibt: „Mein 11. Gebot heißt, dass der Nazismus verboten wird. Alle sind gleich – ob hellhäutig oder dunkelhäutig.“ Und das schönste 11. Gebot für alle Erwachsenen, Erwerbstätigen war für mich dieses: „ Du sollst die freien Tage und die Ferien ehren! Auf dass dir’s wohlergehe und du dich gut erholst!“
Ja, die Konfirmandenzeit war eine Zeit des Gebens und Nehmens. Wir haben miteinander gelernt; wir waren gemeinsam auf dem Weg. Und heute ist eine wichtige Etappe erreicht: der Tag eurer Konfirmation, eurer Einsegnung.
Einen einzigen Satz möchte ich heute noch einmal bedenken. Er ist zentral für unseren Glauben. Jesus Christus, Gottes Sohn, hat ihn gesagt. Im Joh – Evangelium 10,1, heißt es:
„Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben haben. Und es in Fülle haben.“ Was ist ein Leben in Fülle? Was ist ein erfülltes Leben? Auch darüber habt ihr nachgedacht. Und es war gerade nicht der materielle Wohlstand, der unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden dabei in den Sinn kam. Geborgenheit, Lebensfreude, eine Familie, in der man sich wohlfühlt, Freundinnen und Freunde sind ihnen viel wichtiger. Glücklich und zufrieden sein können. Dinge, die man nicht kaufen kann. Weil sie ganz viel mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben und mit unserer Seele.
„Es muss im Leben mehr als alles geben!“ sagt Maurice Sendak in seinem Buch Higgelti Piggelti Pop. Darin steckt die tiefe Sehnsucht des Menschen, nicht nur zu leben, sondern ein zutiefst erfülltes Leben zu haben. Und das hat in der Tat mit Gott zu tun. So hat es auch eine der Konfirmandinnen formuliert: „Ohne Gott fehlt ja was. Mit Gott ist das Leben vollständig.“
Ein erfülltes Leben erfahren wir, wenn wir darauf vertrauen, dass wir von Gott geliebt sind.
Dass wir von ihm gemeint sind. Gott hat uns gewollt. Er hat einen Platz für uns auf dieser Welt. Für jede und für jeden von uns. Er möchte, dass unser Leben gelingt. Er schaut uns mit Liebe an. Und weil er „Ja“ zu uns sagt, darum können auch wir „Ja“ zu uns selbst sagen. Können lernen, uns selbst zu akzeptieren, so wie wir sind, mit unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Qualitäten und Unzulänglichkeiten. Genauso hat auch Jesus die Menschen angesehen: mit den Augen der Liebe. Hat Kranke aufgerichtet, hat traurige Menschen getröstet. Hat ausgestoßenen, ungeliebten Menschen Mut zugesprochen. Weil er sie angesehen hat, wurden sie zu angesehenen Menschen. Aufrecht und frei. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben in Fülle haben.“
In unserer Gesellschaft ist das oft anders. Ihr wisst das: Menschen werden andauernd beurteilt. Und die Beurteilung des Äußeren wird dabei anscheinend immer wichtiger: wer stellt das tollste Foto von sich ins SchülerVZ ? Oder ins facebook? Wessen Foto wird am meisten angeklickt? Bei DSDS lassen Leute sich freiwillig beurteilen, ja öffentlich demütigen, manche sprechen davon, dass sie sich öffentlich hinrichten lassen. Aus freien Stücken!
Genauso wie bei Heidi Klum‘s Castingshow. Öffentliche Beurteilungen und Verurteilungen ohne Ende. Wo ist da noch die Freiheit, man selbst, frau selbst sein zu dürfen – mit eigenen, individuellen Zügen? Warum müssen alle gleich aussehen? Warum lassen wir uns von diesem Diktat der Vereinheitlichung so bestimmen? Schönheit liegt doch gerade in der Verschiedenheit! Es ist Freiheit und erfülltes Leben, wenn wir „Ja“ zu uns sagen, so wie wir sind, mit unseren Ecken und Kanten, oder eben auch mit unseren Rundungen… Wenn wir lernen zu sagen: „Ich bin gut und ich bin schön, so wie ich bin!“
Das wünsche ich euch, dass ihr ganz kritisch die Werte und die Normen hinterfragt, die ihr in unserer Gesellschaft vorfindet. Uns sehr genau überlegt, ob ihr sie für euch übernehmen wollt. Nicht alles, was ist, ist deshalb schon gut! Lernt, euch immer wieder neu selbst liebzugewinnen und zu euch zu stehen, so wie ihr seid. Ihr seid von Gott geliebt. Er stellt eure Füße auf weiten Raum. Das lässt euch aufatmen!
Und der Blick wird frei für anderes, viel Wichtigeres. Dann plötzlich,
„Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben, sagt Jesus.
Es lohnt sich, in seiner Spur zu gehen. Amen.